Politik

Religion und Wirtschaft. Folge Fünf

Insha'Allah

 

Der deutsch-amerikanische Wirtschaftshistoriker Fritz Redlich (1892 – 1979) schließt 1957 einen seiner Essays mit der Feststellung, dass es in der Vergangenheit viele Formen des Unternehmertums gegeben hat und dass die Entstehung neuer Formen in Entwicklungsländern möglich sei. Die Wirtschaftspolitik müsse deshalb vorsichtig verfahren. Ein Abklatsch europäisch/amerikanischen Unternehmertums etwa sei keineswegs hinreichend für die Entwicklung eines Landes.

Damals, also 1957, konnte von Reichtum am Golf noch keine Rede sein. Heute aber ist die Golfregion ein Wirtschafts- und ein globales Machtzentrum.

Dem Zufall geschuldet? Der Tatsache, dass in dieser Region die größten Ölreserven liegen? – d a s  Treibmittel der Wirtschaft, um das und mit dem zahllose Kriege geführt wurden?

Nicht dass die Führenden am Golf ihr Glück unterschätzten, das ihnen windfall profits bescherte. Sie wussten aus ihrer Chance etwas zu machen, legten zum Beispiel auf die Ausbildung ihrer Söhne größten Wert, die die Management-Methoden des Westens auf ihre Verhältnisse anwandten. Aus Perlenfischern wurden Millionäre, nicht selten jedenfalls.

Die Emirate am Golf wurden 1971 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen, und sieben von ihnen haben sich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zusammengeschlossen, die mit fünf anderen Staaten auf der arabischen Halbinsel (Saudi Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar und Oman)  im Golf-Kooperationsrat mehr oder minder eng zusammenwirken.

Eine Klammer für das Zusammenwirken der Akteure ist ihre gemeinsame Sprache; dann die Religion, die sunnitische mit der puristischen Ausprägung der Wahabiten in Saudi Arabien und in Katar. Nicht zu vergessen aber ihre Gegnerschaft zum religiösen Konkurrenten jenseits des Golfes, den Schiiten im Iran.

Ist im Islam, der Religion, die nach dem Christentum am meisten verbreitet ist, ein zentraler Impuls zu entdecken, wie man meint, dass ihn Max Weber im Kalvinismus für den Kapitalismus identifiziert habe; Werner Sombart im Judentum?

Ich meine, nein.

Der Kapitalismus wurde adaptiert. Dennoch: eine stringente Wirtschaftsordnung, eine islamische, gibt es in keinem islamischen Staat. Höchstens kann von einer Art islamischen Sozialismus gesprochen werden, der Privateigentum nicht infrage stellt.

Und mit zwei zentralen Geboten aufwartet, dem Zakat, was als Almosensteuer begriffen werden kann; und dem Zinsverbot (Riba), das in praxi aber häufig unterlaufen wird. Banken deklarieren Guthabenzinsen als Gewinnbeteiligungen; Zwischenhändler treten auf, wenn Warenkredite gewährt werden, die (wie im Westen) verzinst werden müssten.

Der Islam, ähnlich dem Puritanismus, ruft zur Mäßigung auf. Persönliche Leistungen werden hochgeschätzt, jeder ist verpflichtet, für seinen Unterhalt zu sorgen. Allzu große Einkommensunterschiede in der Gesellschaft soll es nicht geben, was der Islam mit beiden Haupt-Strömungen des Christentums gemein hat (und den Prunk der Fürstenhäuser nicht infrage stellt); die Forderung nach „gerechten Preisen“ oder die Verurteilung von Monopolen aber mehr mit dessen katholischen Zweig.

Der Islam, der Staatsdoktrin ist (mit der Scharia als Grundgesetz und einem dichten Netzwerk von Regeln), durchdringt das gesellschaftliche Leben deutlich stärker als das dem Christentum im Westen (heute) gelingt.

Der Grund: Der Islam hat noch keine derart revolutionäre Entwicklung erlebt wie das Abendland mit der Aufklärung, die, wie Kant sagt, uns von unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreite.

Nicht nur Frauen sind in der islamischen Welt nicht befreit, prosaisch ausgedrückt: ein unvorstellbar großes Entwicklungspotential liegt brach.

Viele wissenschaftliche Tendenzen bedürfen, bevor sie sich entfalten können, der Rechtfertigung vor den Religions-Behörden.

Religiöse Bindungen, jedenfalls die mit Jenseitsorientierung, hemmen die Innovationskraft.

Dass die islamischen Staaten durch größte Einkommens- und Entwicklungsunterschiede gekennzeichnet sind, fällt jedermann ein, der an Katar einerseits und im Gegensatz dazu an Niger in Zentralafrika denkt (52 000 Dollar BIP bzw. 566 Dollar BIP pro Kopf und Jahr). Indonesien, mit 250 Millionen Einwohnern, von denen fast neunzig Prozent Muslime sind, nimmt mit 3 900 Dollar pro Kopf und Jahr eine mittlere Position ein, noch vor den Philippinen (3 330 Dollar), dessen Bevölkerung mehr christlich orientiert ist.

In Pakistan mit einem BIP pro Kopf und Jahr von 1 260 Dollar (alle Daten für 2020) fällt eine Besonderheit auf. Im dortigen Islam gibt es, wie in allen Religionen üblich, Abspaltungen, Sekten. Memons und die Chiniotis sind solche. Diese beiden erwiesen sich nach der Abspaltung des Landes von Indien (1947) als besonders erfolgreich. Kapital stand, nicht überraschend, kaum zur Verfügung. Wohl aber verfügten sie über eine viele Generationen währende händlerische Tradition, ein händlerisches Geflecht, das sie zu nutzen wussten und, was an die Fähigkeiten der über den Erdball verstreuten Juden erinnert, sie bald  zu machtvollen Industriellen aufsteigen ließ.

Auch dass diese pakistanischen Quasi-Kasten deutlich zwischen Innen- und Außenmoral unterscheiden, ist ein Zug, den wir im mosaischen Geschäftsgebaren, jedenfalls dem antiken, schon kennengelernt haben. Betrug, Bestechung und andere halb-legale bis illegale Aktivitäten waren (und sind?) in einem misstrauischen bis feindlichen Umfeld nahezu unvermeidlich. Nach innen hingegen wird ein strenger Moral-Kodex befolgt.

Religiöser Fanatismus ist in islamischen Ländern am Werk, der von Afghanistan und Pakistan seinen Ausgang nimmt, vornehmlich aus persischen Quellen finanziert wird. Diese desaströse Art der Religionsausübung hemmt die ökonomische Entwicklung ungemein. Direkt, weil sie Mittel absorbiert und indirekt, da sie Entfaltung hemmt.

Wo sie ihre Wurzeln hat? In der Geschichte, die den kämpferischen Islam auf der arabischen Halbinsel, im Mittleren Osten, in Nordafrika und im Süden Spaniens zunächst siegen, dann aber im Niedergang sah.

[Wieviel Wissen, Kenntnisse, Fertigkeiten hatte der Islam und brachte er auf die asiatische Halbinsel, Europa genannt!]

Hochblüte, dann Niedergang. Durch die Reconquista (1492),  den militärischen Erfolg der kastilischen Königin Isabella, alleine ist sein Rückfall nicht erklärlich.

Durch Fatalismus? Weil man es hinnahm: Insha’Allah - So Gott will, vielleicht?

Verlieren, das hat der Islam ja noch einmal erleben müssen, durch Prinz Eugen, den Edlen Ritter, der in den Türkenkriegen (ab 1697) siegte.

Niederlagen schafften Revanchegelüste.

Sie wirken fort und verbinden sich mit Verachtung gegen den Westen, seines Alkoholismus wegen, und wegen der sexuellen Promiskuität, die man dort zu sehen glaubt.

Rache und religiös motivierte Verachtung rumoren, schwären und nähren den Heiligen Krieg, den Dschihad.

Die aufgeklärten Despotien am Golf, ihre utilitaristischen Herrscher vermögen ihn unter der Decke zu halten. Insha‘ Allah, das gab es nicht bei den Perlenfischern am Golf. Sonst wären sie nicht Millionäre geworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Axel Glöggler

https://twitter.com/DrAxelGloeggler

 

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Kommentare

Kommentar von Hans Bürkle |

Als Ergänzung hierzu bietet sich an zu lesen: Das verfallene Haus des Islam: Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt, von Ruud Koopmans

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