Politik

Religion und Wirtschaft. Folge Vier

Moses und seine Söhne

 

Der Weg der Familie Rothschild zu einer der wichtigsten Bankdynastien ist jedem Interessierten vertraut.

Im „langen 19. Jahrhundert“ war das Bankhaus Rothschild das einflussreichste der Welt.

Heute wird eine der führenden Investmentbanken an der Wallstreet, Goldman-Sachs, von einer Manager-Riege geführt, die mancherlei Verhaltensweisen an den Tag legt ähnlich der des Gründers des Bankhauses Marcus Goldman, der 1848 aus Franken in die Neue Welt ausgewandert war, 1869 in einem engen Keller mit dem Handel von Schuldscheinen begann und Sam Sachs, Sohn befreundeter bayerischer Einwanderer, zu seinem Partner machte, nachdem er ihm seine Tochter zur Frau gegeben hatte.

Bei Goldman-Sachs pflegt man das Understatement, wie Meyer Amschel, der Stammvater der Rothschilds das tat, wie das puritanische Unternehmer taten. Das Hauptquartier der „Goldmänner“ an der Broad Street, unweit der Börse, ist wegen des fehlenden Namensschildes von außen nicht als Hauptsitz eines der einflussreichsten Geldhäuser des Globus zu erkennen. Die Führungsriege besteht nicht aus angestellten Managern, sondern aus Teilhabern, die Risiko tragen. Man versteht sich als „Meritokratie“, wie einer der Männer an der Spitze, Lloyd Blankfein, sagte.

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Ein durchaus umstrittener Nationalökonom, Werner Sombart (1863 – 1941), hat das erfolgreiche Wirken jüdischer Familien zum Anlass genommen, eine Art Gegenthese zu Max Weber zu formulieren. Nach Sombart stecken im Judentum zumindest ebenso starke Kräfte zur Entwicklung des Kapitalismus wie im puritanischen Calvinismus. Auch er hat, wie Weber, kein Ursache-Wirkungsverhältnis zwischen den beiden soziologischen Phänomenen behauptet. (Weber sprach gelegentlich von „Wahlverwandtschaften“).

Sombart geht von der Feststellung aus, dass es vier objektive Faktoren gäbe, die Juden so geeignet gemacht hätten, das kapitalistische Wirtschaftssystem herauszubilden: Ihre räumliche Verbreitung; ihre Fremdheit; ihr „Halbbürgertum“ und ihr Reichtum.

Zum ersten sei die Tatsache zu vermerken, dass sie seit ihrer biblischen Vertreibung, der noch viele weitere folgen sollten, über die ganze Welt verstreut gewesen seien. Das hätte sie zur Wahrnehmung von Geschäftsmöglichkeiten ein dichtes Kommunikationsnetz aufbauen lassen, und sie hätten sich an Plätzen besonders fruchtbar erwiesen, die von Natur aus auf Arbitrage jeglicher Art angewiesen sind, wie besonders Börsen.

Ihre „erzwungene Filialisierung“ habe, neben ihren außergewöhnlichen Sprachkenntnissen, die sich auch daraus ergaben, zu einer „Fremdgewohnheit“ geführt, was hieß, dass  der Verkehr mit Fremden für Juden das Normale wurde, während er für Nichtjuden die Ausnahme blieb.

Um ökonomisch Erfolge zu haben bzw. um überhaupt am Leben zu bleiben, mussten sie also im hohen Maße anpassungsfähig sein, und sie waren gezwungen, unkonventionelle Wege zu gehen. Das machten sich die Regierenden in aller Welt zunutze. „Hofjuden“ waren unentbehrlich für die „allerchristlichen Könige“: als Dolmetscher, Botschafter, Diplomaten und als Geschäftsleute, die in den unablässigen Kriegen Kriegsgüter heranzuschaffen verstanden.

Juden haben nolens volens eine internationale Handelsgemeinschaft etabliert, ohne dass es formaler Strukturen bzw. Institutionen wie etwa der Hanse bedurfte.

Juden waren bis tief ins neunzehnte, ja zwanzigste Jahrhundert hinein, vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Die Gewerbefreiheit galt für sie inhaltlich und räumlich nur beschränkt. Das hatte eine Willkür deprimierenden Ausmaßes zu Folge. Die Fürsten sahen in der Vergabe von Privilegien, Konzessionen, Freibriefen an sie eine Quelle beträchtlicher Nebeneinkünfte. Aber die Juden wussten aus der willkürlichen Einschränkung ihrer Geschäftsfelder das Beste zu machen. Sie entwickelten sich zu Spezialisten auf den ihnen vorbehaltenen bzw. zugewiesenen Gebieten und vermochten es auch aufgrund ihrer räumlichen Verbreitung große Markträume zu schaffen, was sie als Geschäftsleute noch attraktiver machte.

Woher stammt nun die Kraft des Judentums, sowohl in der Offensive, vor allem aber in der Defensive zu siegen? Sie stammt aus dem Bewusstsein des Auserwähltseins, vielleicht die stärkste Kraft, wie wir bei dem jüdischen Theologen Arthur Hertzberg (1921-2006), einem Rabbiner, lesen. Eine Quelle dieses Auserwähltseins ist im Fünften Buch Moses, dem Deuteronium, zu finden, wo Gott vom „Segen des Gehorsams“ und vom „Fluch des Ungehorsams“ spricht und den Gehorsamen eine Fülle von Versprechungen macht bis hin zu der: “Der  Herr wird euch unter den Völkern zum Ersten machen, ihr werdet unaufhaltsam immer weiter aufsteigen.“

Ein Wort zu dem das ganze christliche Geschäftsleben über Jahrhunderte durchziehende Zinsverbot, genauer gesagt, zum Verbot des Zinsnehmens. Bekanntlich war in allen alten Kulturen das zinslose Darlehen das einzig Zulässige und Übliche. Doch schon in ältesten jüdischen Gesetzen finden sich Ausnahmen dieser Regel, dass man nämlich von Fremden Zinsen nehmen dürfe.

Eine ähnliche   Trennung zwischen Innen- und Außenmoral findet sich auch im Preisrecht, dem justum pretium, der gerechte, durch die Summe der innewohnenden Kosten zustande gekommene Preis. Nach außen hin mussten sich Juden an ihn nicht halten. Sie waren auch der freien Konkurrenz gegenüber aufgeschlossen, ein Geschäftsgebaren, das dem des christlichen Kaufmanns widersprach (es sei denn, er war Puritaner).

Der katholische Zweig der christlichen Religion ist eine Armenreligion, der Judaismus ist gerade das nicht. Seine  Diesseitsbezogenheit bringt eine bejahende Einstellung der wirtschaftlichen Betätigung zutage, speziell ihren möglichen positiven Folgen gegenüber, dem Reichtum, anders als uns dies die christliche Religion, das Neue Testament, nahelegt. Ebenso oft wie in den Schriften des Alten Testaments der Reichtum gepriesen wird, wird er im Neuen Testament verflucht. Dort heißt es zum Beispiel im Matthäus-Evangelium: „Sammelt keine Reichtümer hier auf Erden, denn ihr müsst damit rechnen, dass Motten und Rost sie auffressen oder Einbrecher sie stehlen. Sammelt lieber Reichtümer bei Gott“.

Es ist deswegen kein Zufall, dass Reichtum und jüdischer Glauben oft zusammenfällt. Die besten Kenner der Gesetze Moses, die besten Kenner des Talmud, waren und sind oft gleichzeitig erfolgreiche Ärzte, Juweliere, Kaufleute . . . und die geschickteste Finanzmänner, wie Meyer Amschel Rothschild, der ein strenger und kenntnisreicher Vertreter seines Glaubens war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Axel Glöggler

https://twitter.com/DrAxelGloeggler

 

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