Politik

"Sensorische Deprivation" (Anmerkungen zur Pandemiebekämpfung)

Mit diesem – zugegeben – etwas sperrigen Ausdruck bezeichnen  Managementberater den Verlust der Fähigkeiten bei Funktionseliten der Politik und Wirtschaft, die Alltagsrealitäten wahrzunehmen, wenn sie sich in ihrer ganzen Existenz weit über ihre Wähler/Kunden erhoben haben.

Wenn Politiker „an die Basis gehen“, dann sprechen sie mit ihren Repräsentanten auf unteren Ebenen, die ihnen die Stimmung der Bevölkerung vermitteln sollen. Die eigentliche Basis, den Wahlbürger, erreichen sie so nicht. Und so entstehen Informationsverluste, die sich weder ein Unternehmen noch ein Politiker leisten kann. Durch Missachtung/Entzug der Fürsorge wenden sich Wähler/Kunden ab. Parteien schrumpfen in der Wählergunst, Unternehmen gehen pleite.

Manchmal meinen Politiker, die Notwendigkeit der Kommunikation erschöpfe sich darin, sich den Medien verständlich zu machen. Denn die Kommunikation mit dem Wahlbürger an der Basis ist mühselig, zeitraubend und unspektakulär. Und außerdem besteht die Gefahr, dass der Bürger dem Politiker die blanke Wahrheit an den Kopf wirft. Da ist es schon besser, mit Gleichgesinnten an Runden Tischen, Ausschüssen, Kommissionen und dergleichen zu sitzen, die ebenso an „sensorischer Deprivation“ leiden. Hier kann man dem Konsensualismus frönen, immer schneller Gesetzesvorlagen, Verordnungen und andere bürokratische Hemmnisse zu Lasten jener produzieren, die ohnehin schon stöhnen - und anfangen zu resignieren.

Das scheint mir das eine Fehlverhalten des Politapparats in der gegenwärtigen Pandemie-Krise zu sein.

Das andere rührt im „Schrecken der Bürokratie“, die jeder Politiker, der an die Macht kommen will, verspricht zu bekämpfen. Tatsächlich geschieht in praxi das aber gerade nicht. Zunächst: In der Verwaltung bestehen viel zu viele Hierarchieebenen; die, zum Zweiten, viel zu häufig durch Parteibuchkarrieristen besetzt sind. Für Außenstehende oft unbegreifliche Pannen entstehen. Die Karrieristen werden befördert, die besonders viele Gesetzentwürfe und Verordnungsvorschläge vorlegen. Und wenn alle Stricke reißen, kaufen Ministerien Beratung ein - von Multis der Consultant-Branche, die in der Regel auf beiden Seiten des Tisches (je als Lobbyisten und Politikberater) sitzen.

Cyril Northcote Parkinson, dessen Name trotz dieser Entwicklungen seltsamerweise verblasst ist, hat für diese Phänomene den Namen „Injelitis“ geprägt, ein Wort, das sich aus Unfähigkeit (engl. incompetence) und Neid (engl., jealousy) zusammensetzt. Unfähige Neider paralysieren schleichend jede Organisation. Haben sie erst einmal eine mittlere Position erreicht, setzen sie alles daran, jene zu eliminieren, die klüger sind als sie selbst, um jene zu fördern, die ihre Inkompetenz nicht in Frage stellen.

Das Zusammenspiel von Deprivation und Bürokratie hat jenes Debakel geschaffen, dem wir uns heute in der Pandemiebekämpfung gegenüberstehen. Wir – Deutschland, das in puncto Organisation und Effizienz immer einen Spitzenplatz beanspruchte - wir haben Dank der Schwächen des Politapparats nicht nur unseren Nimbus verloren, viel schlimmer: viele Menschenleben.

Es ist doch seltsam, dass ein Land, dessen Industrie nach wie vor zu den führenden der Welt gehört (die Erfindung des Impfstoffes von BIONTECH hierzulande als schlagendes Beispiel!) die Aufgabe der Beschaffung und Verteilung des Impfstoffes nicht zureichend zu lösen versteht. Zumal es ungezählte Unternehmen in unserem Lande gibt, die Logistik-Probleme dieser Art tag-täglich zur Zufriedenheit ihrer Kunden bewältigen. Vielleicht hätte man ALDI, Lidl, DHL, Amazon oder, oder, oder . . .  diese Aufgabe stellen müssen. Neid hat das verhindert (diese Unternehmen könnten dabei ja „Profit“ machen!) und die Inkompetenz der in bürokratischen Strukturen gefangenen Politiker.

Dr.Axel Glöggler

https://twitter.com/DrAxelGloeggler

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